“Für mich gibt es keine Grenze zwischen Deutschland und Polen”

 

 Klaus Pocher (45) ist in Guben aufgewachsen. Nach dem Studium in Berlin ist er wieder nach Guben zurückgegangen, wo er als Übersetzer arbeitet. Er ist Begründer des Vereins „Gubien“, einer Initiative, die sich für das Zusammenwachsen der beiden Grenzstädte Guben und Gubin einsetzt. Zudem engagiert er sich in dem Projekt „Nowa  Amerika“, das sich für den deutsch-polnischen Grenzraum einsetzt und ein fiktives Land bildet. Das Gespräch führte Levin Anders (15), Maximilian Bartels (17) und Jakub Paprocki (17).

odra.net: Herr Pocher, als was fühlen sie sich denn: Als Nowa-Amerikaner, als Gubiener oder als Deutscher, welcher viele Beziehungen nach Polen hat?

Pocher: Das ist eine interessante Frage. Die Philosophie ist ja der Meinung, dass man sich seine Identität konstruieren kann und das zweifelt vermutlich auch keiner an. Aber ich bin da anderer Meinung. Ich glaube, dass wir unsere Identität nicht nach Lust und Laune wählen können, sondern dass das einfach mit uns passiert. Wir werden sozusagen in gewisse Richtungen gezwungen oder gedrängt. Andererseits denke ich, dass Identität sehr facettenreich ist. Das bedeutet, ich kann in gewissen Kreisen Brandenburger, in anderen Nowa-Amerikaner und wieder wo anders ein Parteimitglied sein. Aber ich bin nie, wie andere sagen würden, mit Haut und Haar nur Eines. Jedoch  fühle ich mich insofern als Nowa Amerikaner, weil es für mich keine Grenze zwischen Deutschland und Polen gibt, wie für andere.

MNO_2231odra.net: Und daher haben Sie den Verein „Gubien“ gegründet. Was steckt hinter der Idee?

Pocher: Angedacht war vieles, ausgeführt wurde einiges. Es ging darum, Leute aus Guben und Gubin zusammen zuführen und dazu zu bringen gemeinsam aktiv zu sein. Sei es mit einer Aktion, die möglichst irgendwo in der Öffentlichkeit stattfindet. Das heißt, wir als Verein „Gubien“ organisieren Dinge, die öffentlich und zugänglich für Dritte sind, die also zur Teilnahme aufrufen.

odra.net: Was war die Resonanz?

Pocher: Es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass es schwierig ist in so einer kleinen Stadt diesen Zusammenschluss zu ermöglichen, weil die Leute lieber etwas Fertiges konsumieren wollen, als sich aktiv zu beteiligen. Dennoch haben einige Projekte stattgefunden, zum Beispiel „Smacznego – Wir kochen gut“. Das war eine Art Kochkurs mit verschiedenen Phasen: Erst kleine Sprachkurse, anschließend gemeinsames Kochen in einer großen Küche und später haben sich dann die Teilnehmer in kleineren Gruppen verabredet.

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odra.net: Wo sehen Sie den Unterschied zu „Slubfurt“, einer vergleichbaren Initiative an den Oder-Städten Frankfurt und Slubice?

Pocher: Ein Hauptunterschied ist sicher die Größe der Städte und der Rückhalt durch die Studenten, die vom Collegium Polonicum in Słubice kommen. Das heißt, dort sind lauter junge Leute, die schnell Bereitschaft zeigen irgendwo mitzumachen. Michael Kurzwelly, der Initiator von „Słubfurt“, arbeitet vor Ort auch direkt mit Stundeten von der Uni zusammen. Aber vielleicht hatte er auch einfach mehr Geduld. Ich denke es gibt viele Gründe, aber es hängt sicherlich viel mit den Menschen und mit der Zahl der Menschen zusammen.

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odra.net: Der Verein kam zum Erliegen, aber was waren die Ursachen?

Pocher: Es gibt da verschiedene Gründe, aber der wesentliche war vermutlich, dass wir in verschiedene Richtungen wollten. Die einen wollten etwas für den Verein organisieren und dort Leute kennenlernen. Die anderen, zu denen ich mich zähle, wollten lieber etwas für Dritte mit einer Öffentlichkeitswirkung veranstalten.

 

odra.net: Und wie entwickelt sich die zwei Städte Gubin und Guben in der letzten Zeit?

Pocher: Es gibt einen erheblichen Rückgang der Wirtschaft. Hinzu kommt, dass die jungen Leute regelrecht fliehen. Andererseits finde ich es normal, wenn junge Leute aus ihren Heimatstädten wegziehen, irgendwo anders in Lehre gehen oder ein Studium abschließen und danach auch nicht wiederkommen. Natürlich heißt das jetzt nicht, dass wir uns nicht darum bemühen müssen, die Kräfte zu sammeln und zu bündeln. Man  kann die Situation also auch dramatisch sehen.

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