Kreuzberg – Mythos vs. Realität

“Ein Stadtviertel voller Türken und Bulgaren, kein normaler Deutsche lebt in solch einem Viertel”; “auf der Straße gibt es lauter Frauen mit Kopftüchern”; “es ist zu gefährlich, abends noch auf die Straße zu gehen” – vor allem solch ein Bild von Kreuzberg wird in den polnischen Medien vermittelt.

Ich bin nach Berlin gereist, um zu prüfen, wie viel Wahrheit in diesen Zuschreibungen. Am Anfang war ich leicht gestresst, unbewusst auf eine “Gefahr” wartend, meine Befürchtungen sind aber schnell verschwunden. Dieses Stadtviertel scheint für mich absolut nicht “furchterregend” zu sein, ganz im Gegenteil. Auf den Straßen gab es tatsächlich viele Frauen mit Kopftüchern und Männer mit charakteristischen türkischen Mützchen, aber genau so viele miteinander Deutsch sprechende Studenten, Männer und Frauen mit hellen Haaren und heller Hautfarbe. Ein Teil der Häuser war verfallen, ein Teil war bereits renoviert. Es gab dort eine Moschee, aber auch eine geöffnete protestantische Kirche. Die Autos waren so, wie auch in den anderen Stadtvierteln. Graffiti auf den Mauern, Fahrradfahrer auf den Straßen – also ein normales Stadtviertel.

  Kirche in Kreuzberg / Kościół w Kreuzbergu - wikipedia.org


Kirche in Kreuzberg / Kościół w Kreuzbergu – wikipedia.org

Es gab dort aber noch etwas, was mich neugierig gemacht hat – die meisten Geschäftsschilder oder diejenigen von einer Apotheke oder einer Fahrschule waren auf Türkisch. Ich habe mich gefragt, ob diese Erscheinung die Deutschen nicht störe. Ich habe Eryk, der seit zwei Jahren in Kreuzberg wohnt, danach gefragt. Er ist hier aus Bayern – der reichsten und konservativsten Region Deutschlands – gezogen. Für ihn ist Kreuzberg viel mehr, als nur eine bunte Mischung aus Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. “Dieses Stadtviertel ist außergewöhnlich, da es für alle offen ist, es ist eine Art freie Stadt”, sagte Eryk. “In den achtziger Jahren war es hier tatsächlich gefährlich, aber jetzt ist es schon ruhig. Ich habe keine Angst hier auch in der Nacht durch die Straßen zu gehen.” Es wohnen hier Menschen aus verschiedenen Ecken Deutschlands und der ganzen Welt. “Jetzt ist es hier wirklich multikulti geworden. Zurzeit leben hier nicht nur Türken oder Araber. Immer öfter bekommt man hier die englische oder spanische Sprache zu hören.” Türkische Aufschriften stellen für ihn kein Problem dar. “Es spielt keine Rolle, dass die Aufschriften auf Türkisch sind, wenn wir uns in jedem Geschäft sowieso auf Deutsch verständigen können”, erklärt Eryk.

Dagmara Fernworn (18), Karolina Zakrzewska (18).

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