Auf der anderen Seite

Potsdam, die Schneeflocken wirbeln in einem stürmischen Tanz um unsere Köpfe, als wir vom Bus, der uns sicher vom kleinen Trebnitz in die große Stadt gebracht hat, über das Gelände der Staatskanzlei zum Presseamt laufen.


 

Mit dem Schließen der Tür wird Orkan „Xaver“ ausgesperrt und es erwarten uns ein großes Treppenhaus, Flure und Wege, die uns schließlich zum Pressekonferenzraum führen. Zügig und ruhig nehmen wir unsere Plätze ein, an Tischen die in U-Form angeordnet sind und , welche obwohl sich am Ende des Raumes befindend den Mittelpunkt des Raumes ausmacht. Die meisten Scheinwerfer sind auf diese Tischreihe ausgerichtet genau wie unsere Blicke. Die Platzkarten der gestrigen „echten“ Pressekonferenz sind noch auf ihren Plätzen, unter anderem die des Ministerpräsidenten Dietmar Woidke. Das dunkle Parkett steht im Gegensatz zu den hellen Wänden und großen Fenstern. Wir testen die Mikros auf unseren Plätzen und Markus gibt uns letzte Tipps.

Zwei Pressesprecher der Staatskanzlei werden wir heute mit Fragen löchern dürfen. Zur Vorbereitung haben wir in Trebnitz zur Bedeutung der Medien in der Demokratie recherchiert und selbst eine Pressekonferenz abgehalten in der manche die Experten waren – unter anderem ich selbst – und die anderen die Journalisten, die uns Fragen stellen konnten.

Nun sitze ich auf der anderen Seite und warte gespannt darauf, meine eigenen Fragen stellen zu können, musste mir jedoch eingestehen, wie wenig ich über die Tätigkeiten eines Presseamt wusste. Meine Erwartungen beschränken sich also zunächst auf das Kennenlernen des Arbeitsfeldes des Presseamtes.

Als erster betritt Günter Brüggemann den Raum, wenig später kommt Hans Völkel.

Brüggemann nimmt eine entspannte Haltung auf seinem Stuhl ein und lässt sich nicht durch die Platzkarte vor ihm irritieren, die ihn auf einem Foto als eine andere Person identifizieren würde. Völkel stellt das „Dietmar Woidke“-Schild schnell zur Seite. Er wirkt etwas unentspannt, als würde nach diesem Treffen noch ein anderer vielleicht wichtigerer Termin auf ihn zukommen.

Die Konferenz beginnt und Agnieszka, die auch vorne sitzt und für die polnischen Teilnehmer übersetzen wird, schaut wartend zur Seite.

MNO_2675Hans Völkel beginnt und wird uns zunächst etwas über die Arbeit des Presseamtes erzählen. Kurz erklärt er uns die beiden wichtigsten Aufgabenbereiche, den Nachrichtenspiegel und die Pressemittteilungen. Bei letzterem wäre es dabei am wichtigsten schnell reagieren zu können, weil wichtige Nachrichten – wie beispielsweise der Tod Nelson Mandelas – sofort an die Öffentlichkeit weitergegeben werden müssen. Außerdem darf man „die andere Seite der Barrikade“ nicht außer Acht lassen – die Journalisten – und „muss das Tempo anpassen“, so Völkel. Brüggemann spricht von einer Rivalität zwischen dem Presseamt und den Journalisten und nimmt klar Stellung; er bejaht die Frage ob das Presseamt lediglich subjektive Mitteilungen weitergibt.

Schnell wird klar, dass der eigentliche Unterschied zwischen beiden die politische Abhängigkeit ist. Der Ministerpräsident spricht durch das Presseamt, es spiegelt seine Meinung wieder und obwohl die Mitarbeiter Pressemitteilungen und ähnliches selbst verfassen, gehen diese noch durch viele Hände und müssen schlussendlich auch vom Ministerpräsident abgesegnet werden.

Aus diesem Grund sei es auch fast unmöglich, dass sich dort Fehler einschleichen „höchstens das Datum ist mal falsch“, erklärt Brüggemann.

Die Mitarbeiter eines Presseamtes können also ihre eigene Meinung nicht einfließen lassen, so wie Journalisten, die politisch unabhängig sind. Trotzdem verfolgen beide das gleiche Interesse, Informationen an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Völkel bezeichnet dieses Verhältnis auch als „Geschäft“ und „Partnerschaft“, welches sich mit einem ständigen „Geben und Nehmen“ verbindet.

Das Presseamt gibt den Journalisten Informationen, welche diese dann weiter benutzen können. Durch die Journalisten ist es also möglich noch eine andere politisch unabhängige Sichtweise zu bekommen, welche aber nicht unbedingt mehr oder weniger subjektiv ist, weil die Journalisten natürlich auch immer ein Stück ihre eigene Interpretation einfließen lassen.MNO_2693

In wie weit ist es dann überhaupt möglich ‘neutrale Medien’ zu produzieren und kann das überhaupt wünschenswert sein? Kann man sich eine eigene Meinung nicht erst dadurch bilden, andere – subjektive – Meinungen mit der eigenen Meinung und vorhandenen Fakten abzugleichen und dann mithilfe des Verstandes zu einem logischen Schluss zu kommen, so wie es Emanuel Kant schon predigte?

 

Beide Vertreter waren selbst vor der Arbeit im Presseamt als Journalisten tätig und jetzt stellt sich natürlich die Frage warum sie auf die andere Seite gewechselt sind.

Völkel hat dafür zunächst die etwas profane Antwort, dass er einfach etwas Neues wollte. Einen neuen Kick. Das was jetzt so völlig neu ist, das er nicht mehr nur Fragen stellt sondern Antworten geben muss und das sei schwieriger als gedacht. Denn auch ein Grund für den Wechsel war das unkonkrete Antworten oder Ausweichen der von ihm gestellten Fragen, was sicher viele Journalisten kennen.

Völkel muss nun tatsächlich die Konferenz verlassen und Brüggemann erklärt uns die Voraussetzung für die Arbeit im Presseamt. Außer einem Abitur, einem abgeschlossen Studium – wobei der Studiengang nebensächlich ist – benötigt man natürlich auch journalistische Qualifikationen. Besonders betont Brüggemann die Glaubwürdigkeit, denn immerhin zählt es zu den Hauptaufgaben eines Pressesprechers den Ministerpräsidenten ins rechte Licht zu rücken.

Die Veranstaltung neigt sich dem Ende zu. Eindeutig ein Erfolg. Nicht nur das anfängliche Unwissen bezüglich des Arbeitsfeldes eines Presseamtes wurde beglichen, sondern vor allem an das eigentliche Ziel, dem Kennenlernen des Arbeitsfeldes eines Journalisten wurde ein Stück herangerückt.

 

Lea Behring

 

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